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HARVARD LAW LIBRARY
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DIE GRENZElsr
GEISTIGER GESUNDHEIT UND KRANKHEIT.
REDE,
GEHALTEN ZUR FEIER DES GEBURTSTAGES
SR. MAJESTÄT DES KÖNIGS ALBERT VON SACHSEN
AM 23. APRIL 1896
VON
DR. PAUL FLECHSIG,
O. ö. PROFESSOR DER PSYCHIATRIE.
LEIPZIG,
VERLAG VON VEIT & COMP.
1896.
h
f5a3
JAN 6 1922
Druck von Metzger & Wittig in Leipzig.
Vorwori.
-JJie vorliegende Rede ist von mir' im Auftrag
des akademischen Senates, am 23. April 1896, gelegent-
lich des Festactus gehalten worden, welchen die Uni-
versität Leipzig, wie alljährlich, am Geburtstag ihres
erlauchten Rector magnificentissimus Sr. Majestät König
Albert von Sachsen veranstaltet hat. Sie bildet nach ge-
wissen Richtungen hin eine Ergänzung meiner Rectorats-
Rede über „Gehirn und Seele". Da ich letztere soeben
mit ausführlichen Anmerkungen und fünf Tafeln ver-
sehen neu herausgegeben habe (Leipzig, Veit & Comp.),
so unterlasse ich es, den vorliegenden Blättern weitere
Belege zur wissenschaftlichen Begründung meiner An-
schauungen beizufügen. Insbesondere findet man in
der zweiten Auflage meiner Rectorats-Rede, wie
iöh glaube, genügende Erläuterungen über diejenigen
Himregionen, welche ich im Folgenden gewissermaassen
als „Centralorgane des Charakters" einführe; ich habe
sie dort unter der Bezeichnung „Körperfühlsphäre der
Grosshimrinde" ausführlich beschriehen. Daselbst habe
ich auch den Einfluss der von mir unterschiedenen
„Denkorgane" auf die Eindencentren der sinnlichen
Triebe und Gefühle andeutungsweise behandelt. Indem
diese Centren wie ein Stosskissen zwischen die Körper-
organe und die Organe des Intellekts eingeschaltet
sind, wird der Charakter ihrer Thätigkeit von zwei
Seiten her bestimmt, und sie stellen so eine Art Kampf-
platz dar, wo die niederen Triebe mit den höheren
Gefühlen und Ideen um die Herrschaft ringen —
wenigstens bei edler veranlagten Naturen. Diesen Kampf,
die gegenseitige, theils fördernde, theils hemmende Be-
einflussung von Körper und Intellekt in allen indivi-
duellen Variationen zu verfolgen, dürfte eines der
reizvollsten Probleme für die Hirnforschung sein, um .
so mehr als demselben auch eine eminent praktische
Bedeutung zukommt. Indem die Himlehre die Be-
dingungen untersucht, welche zu einer Veredelung der
sinnlichen Triebe, sei es unmittelbar durch körperliche
Einflüsse, sei es durch den Intellekt führen; indem sie
umgekehrt auch die Voraussetzungen einer Veredelung
des Intellekts durch verfeinerte sinnliche Triebe ins Auge
fasst, tritt sie direct in Berührung mit den Grund-
problemen jeder wissenschaftlichen Pädagogik und den
Zielen aller wahren Cultur. Sie leistet hier die un-
entbehrlichen Vorarbeiten zu einer physiologischen
Sittlichkeitslehre, jenem Desiderat des vorigen Jahr-
hunderts, welches auch Fbiedeioh AijBEkt Lange in
seiner Geschichte des Materialismus als höchst beacht-
lich hingestellt hat. Es handelt sich hier also keines-
wegs um etwas principiell durchaus Neues — .indess
dürfte ausschliesslich die besondere Art der Inangriff-
nahme des Problems für die Erzielung wirklicher Er-
folge entscheidend sein.
Auch für meine Einwände gegen Lombeoso's Lehren
finden sich in der zweiten Auflage meiner Eectorats-
Eede einige Belege. Indem Lombroso die Befunde
Rüdingek's an den Gehirnen genialer Menschen nicht
weiter zu charakterisiren weiss, als mit dem Vermerk,
dass man „angeborene bedeutende Windungsanoma-
lien" constatirt habe, indem er hierin einen Beweis er-
blickt dafür, dass das Genie eine „Degenerationsform"
darstelle — zeigt er deutlich, dass ihm ein Ver-
standniss morphologischer Probleme völlig fem liegt.
Thatsächlich ist im Zeitalter der exacten Natur-
forschung eine Behandlung wissenschaftlicher Fragen
in der Art und Weise Lombeoso's in erster Linie
— Atavismus.
Leipzig, Ende April 1896.
Faul Flechsig.
Hochansehnliche Versammlung !
ie wissenschaftliche Heilkunde nnserer Tage
hat Fortschritte zu verzeichnen dergleichen
kaum ein anderes Jahrhundert aufweisen
kann — dies ist wohl die übereinstimmende Ueber-
zeugung aller urtheilsfähigen Köpfe.
Nur eine medicinische Disciplin nimmt nach der
Meinung vieler Laien nicht entsprechend Antheil —
diejenige, welche ich an unserer Universität zu ver-
treten die Ehre habe, die Psychiatrie!
Fast täglich müssen wir hören, dass die Irren -
heilkunde bei weitem nicht das leiste, was man im
allgemeinen Interesse von ihr verlangen dürfe.
Soweit sich die Anklagen gegen einzelne Irren-
ärzte, einzelne Irrenanstalten richten, haben sie kaum
ein allgemeines Interesse, selbst wenn sie thatsächlich
begründet sein sollten. — Peccatur intra mvros et extra I
Weitaus folgenschwerer erscheint der Vorwurf, dass
die Psychiatrie in ihrem gegenwärtigen Zustand ganz
8 Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit.
im allgemeinen bei Beurtheilung krankhafter oder
zweifelhafter Geisteszustände von falschen Prin-
cipien, von unrichtigen Voraussetzungen ausgehe, und
dass die Irrenärzte in Folge dessen die öffentliche
Sicherheit, die Freiheit harmloser Staatsbürger geradezu
gefährden. Die Vertreter dieser tendenziösen, in Ro-
manen ja schon längst speculativ ausgebeuteten Be-
schuldigung, stützen sich zwar keineswegs auf irgend
eine einwurfsfreie Thatsache — es ist in Wirklichkeit
in Deutschland bisher auch nicht ein Fall nach-
gewiesen, wo ein wirklich Geistesgesunder unter nich-
tigen Vorwänden für geisteskrank erklärt worden wäre.
Trotzdem empfiehlt es sich nicht, weiter mit Still-
schweigen jenem Treiben zu begegnen. Denn der Laie
ist nicht in der Lage, sich aus eigenem Wissen ein
objektives Urtheil über die einschlagenden Verhältnisse
zu bilden; und es besteht so die Gefahr, dass die
Bevölkerung das nothwendige Vertrauen zu den un-
entbehrlichen Irrenanstalten verliert, dass die Richter den
Gutachten psychiatrischer Sachverständiger unberechtigte
Zweifel entgegenbringen. Indem so wichtige öffent-
liche Interessen auf dem Spiele stehen, gestatte
ich mir, in dieser festlichen Stunde Ihre Aufinerksamkeit
zu erbitten für die Betrachtung einiger Grenzgebiete
des Irreseins, insbesondere mit Rücksicht auf die Mit-
tel, welche der wissenschaftlichen Psychiatrie
Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 9
zu Gebote stehen, um auf geistigem Gebiet Ge-
sundheit und Krankheit zu unterscheiden.
Ich hoffe, Sie hierbei überzeugen zu können, dass
die Psychiatrie doch besser ist als ihr Euf, und dass
auch sie an dem allgemeinen Aufschwung der Medicin
theilnimmt, freilich entsprechend ihrem besonderen
Objekt, dem an Complicirtheit und Inhalt alles Le-
bendige weit übertreffenden menschlichen Seelenorgan
in etwas langsamerem Tempo als diejenigen medici-
nischen DiscipHnen, welche im Kampfe gegen die
pathogenen Mikroorganismen, die einfachsten Lebe-
wesen, ihre hauptsächlichsten Triumphe feiern. Die
Psychiatrie ist thatsächlich gerade jetzt in einer mäch-
tigen Umwälzung begriffen , * nicht sowohl weil die
Seelenlehre im allgemeinen wichtige Fortschritte zu
verzeichnen hätte, sondern weil die Hirnlehre, ins-
besondere die Lehre vom Hirnbau auf dem Punkt an-
gelangt ist, für die Auffassung der Seelenerscheinungen
in wichtigen Beziehungen maassgebend zu werden.
Untersucht man, worauf sich die befremdliche
Zuversicht des Laienthums gegenüber den psychia-
trischen Fachmännern stützt, so stösst man auf jenes
Etwas, welches schon so vieler grosser Denker
Zorn in hohem Masse herausgefordert hat, die Berufung
auf den gemeinen Menschenverstand.
Der Laie glaubt zweifelhafte Geisteszustände beur-
10 Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit.
theilen zu können, weil er kraft seines gesunden Menschen-
verstandes den gesunden Geist zu kennen glaubt.
Der Laie steht hiermit von vornherein auf einem
Standpunkt, welcher dem des Arztes diametral ent-
gegengesetzt ist. Denn dieser ist überzeugt, zweifel-
hafte Geisteszustände beurteilen zu können, weil er die
Erscheinungen der geistigen Krankheit genau kennt,
weil er Erfahrungen besitzt über alle die Abweichungen
von der geistigen Norm, welche in natura vorkommen.
Verfolgen wir die historische Entwickelung der
Lehre von den krankhaften Geisteszuständen, so unter-
liegt es keinem Zweifel, dass auch die Wissenschaft
sich von der Betrachtung der ausgeprägten Geistes-
krankheiten her den Grenzen des Irreseins, dem Stu-
dium der Grenzbewohner genähert hat.
Was kann uns nun hier der. sogenannte gesunde
Menschenverstand nützen; hat er überhaupt etwas mit
dem Problem zu thun? Ich bin weit entfernt dies
vollständig zu leugnen — aber seine Geltung ist
eine durchaus beschränkte. Die Psychologie der Laien
basirt in erster Linie auf der Selbstbeobachtung —
und diese ist ja thatsächlich auch für den Arzt der
Hauptmaassstab für die Beurtheilung der Seelenvor-
gänge Anderer. Was man unter Bewusstsein, Willen,
Ueberlegung, Besonnenheit u. dergl. m. zu verstehen
habe, das lernt Jedermann im wesentlichen aus der
Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 11
Beobachtung an sich selbst. Diese Art Psychologie
ist uns allen gemeinsam. Nächstdem treibt der
Laie das, was man am besten als Individualpsycho-
logie bezeichnen könnte. Er macht sich ein mehr
oder weniger genaues Bild von einzelnen Indivi-
dualitäten, ihrem Wissen, ihrer Auffassungsgabe,
ihren Handlungsmotiven, ihrer Gemtithsart.
Es erscheint mir in hohem Grade bezeichnend, dass
der Denker, welchem wir den Begriff der inductiven
Forschung verdanken, Lord Bacon von Vekulam,
gerade diese Art psychologischer Forschung für die Vor-
aussetzung alles psychiatrischen Urtheils und Handelns
erklärt. Bacon hält aber freilich nur eine Individual-
psychologie für brauchbar, welche auf einer wissen-
schaftlich genauen Analyse von Seele und
Charakter und den verborgenen individuellen Anlagen
der einzelnen Menschen beruht.
Aber trotzdem seit Bacon fast drei Jahrhunderte
vergangen sind und Millionen sich auf Grund ihres
gesunden Menschenverstandes mit Studien auf dem
Gebiet der Individualpsychologie beschäftigt haben,
fehlt uns vollkommen ein Werk, welches sich die Auf-
gabe stellte, das Facit dieser Beobachtungen für den
mittleren normalen Menschen vorurtheilslos zu
ziehen und uns zahlenmässig zu zeigen, in welchen
Formen Intellect und Charakter des „Normalmenschen"
12 Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit.
variiren. Wissen wir vielleicht, wie viel Procent
der Bevölkerung redlich sind, wahrhaft redlich? Die
Moralstatistik sagt uns nichts hierüber — denn die
Zahl der Redlichen deckt sich nicht mit der Zahl der
Unbestraften. Und so sind wir schon auf diesem so
wichtigen Gebiet auf die oberflächlichsten Schätzungen
angewiesen. Hat nun Shakespeaee Recht wenn er sagt:
„Ein Ehrlicher ist ein Auserwählter unter Zehntausen-
den !^' oder Goethe, wenn er sagt: „Unter Tausenden
einen Redlichen gefunden zu haben, das ist Etwas,
das ist anzunehmen"? In der That, wir wissen nichts
Sicheres, und je nach dem Gefühlsstandpunkt des Be-
obachters schwankt das Urtheil zwischen weit entfernten
Extremen hin und her. Verbindet der Beobachter mit
Klarheit des Blicks innere Kälte des Gemüthes, so ver-
mag er — wie Goethe meint — Niemand zu achten,
besitzt er ein warmes Gemüth, so verlegt er es in die
Anderen hinein, auch wo es nicht am Platze ist. Eine
streng-objective Individualpsychologie existirt für den
gesunden mittleren Menschen nicht! Was aber die
Grenzgebiete anlangt, so bietet sich nur ganz
wenigen Laien die Gelegenheit, Grenzbewohner in
grösserer Anzahl gründlich kennen zu lernen.
Auch der fruchtbarste Romanschriftsteller übersieht nur
einen kleinen Theil der grossen Reihe — und daher die
vielen einseitigen Schilderungen, das voreilige Ab-
Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 13
leiten von angeblichen Gesetzen des menschlichen
Handelns aus gänzlich ungenügendem Beobachtungs-
Material.
Bietet uns nun für diesen Mangel einer umfassen-
den Individualpsychologie nicht vielleicht die wissen-
schaftliche, die allgemeine Psychologie mit ihren
schärferen Begriffen Ersatz? Können wir uns nicht
vielleicht bei den Philosophen Raths erholen, wenn sie
auch Laien sind im ärztlichen Sinne? Bekanntlich hat
der grösste der kritischen Philosophen, dessen Ansehen
noch heute im Wachsen begriffen ist, Kant, mit Ent-
schiedenheit gefordert, dass die Beurtheilung von
Verbrechern mit Rücksicht darauf, ob sie ihre That
im Zustand geistiger Umnachtung ausgeführt, aus-
schliesslich dem Psychologen, dem Philosophen zustehe!
„In diesem Fall, sagt Kant wörtlich, kann das Gericht
den Angeklagten nicht an die medicinische, sondern
müsste (der Incompetenz des Gerichtshofes halber) ihn
an die philosophische Facultät verweisen. Denn
die Frage: ob der Angeklagte bei seiner That im Be-
sitz seines natürlichen Verstandes- und Beurtheilungs-
vermögens gewesen sei, ist gänzlich psychologisch,
und obgleich körperliche Verschrobenheit der
Seelenorgane vielleicht wohl bisweilen die Ur-
sache einer unnatürlichen üebertretung des (jedem
Menschen beiwohnenden) Pflichtgesetzes sein möchte,
14 Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit.
SO sind die Aerzte und Physiologen überhaupt doch
nichtso weit, um das Maschinenwesen im Menschen
so tief einzusehen, dass sie die Anwandlung zu einer
solchen Gräuelthat daraus erklären, oder (ohne Ana-
tomie des Körpers) sie vorhersehen könnten; und eine
gerichtliche Arzneikunde (medicina forensis) ist, — wenn
es auf die Frage ankommt: ob der Gemüthszustand
des Thäters Verrückung, oder mit gesundem Verstände
genommene Entschliessung gewesen sei? — Einmischung
in fremdes Geschäft, wovon der Richter nichts versteht,
wenigstens es, als zu seinem Forum nicht gehörend,
an eine andere Facultät verweisen muss."
Soweit Kant! Ich bezweifle nicht, dass der grosse
Denker für seine Zeit und in Ansehung seiner Person
das Richtige in der Hauptsache getroffen hat. Das
Maschinenwesen, insbesondere das des menschlichen Ge-
hirns, war thatsächlich damals wenig bekannt, und Kant
übertraf, vermöge seines intensiven Scharfblickes, selbst
einen gewiegten Hirnanatomen wie Sömmebino an Klar-
heit der Anschauungen über die von physischer Seite
an ein Seelenorgan zu stellenden Anforderungen, wie
seine köstliche Kritik der SöMMERiNö'schen Lehre vom
Sitz der Seele im Hirnwasser deutlich zeigt. Trotzdem
hat sich meines Wissens keine Staatsregierung gefunden,
welche zur Information der Richter gerichtliche Philo-
sophen angestellt hätte -r- und die Staatslenker haben
Die Grenzen geistiger Gresundheit und Krankheit. 15
hieran wohl unzweifelhaft Recht gethan. Denn was
von einem Kant bedingungsweise gilt, gilt darum noch
lange nicht von allen, welche sich Philosophen nennen.
Ja, es gilt selbst nicht für Philosophen, deren
Denkkraft und deren genialen Scharfsinn kein wirk-
licher Kenner bezweifelt, wie z. B. Schopenhaueb.
Auch Schopenhaueb hat sich für die Probleme der
Psychiatrie auf das lebhafteste interessirt, und in
seinem Hauptwerk; „Die Welt als Wille und Vor-
stellung**' sind mehrere Paragraphen in der Hauptsache
diesem Thema gewidmet. Es ist schon in hohem
Grade bezeichnend, dass dieser Rhapsode des Wil-
lens die Ursachen der Geistesstörungen hauptsächlich,
ja fast ausschliesslich auf dem Gebiet des Intellekts
sucht — und zwar in einem ganz bestimmten
Punkte, nämlich darin, dass (im Wahnsinn wenigstens)
der Faden der persönlichen Erinnerung an einer Stelle
reisse, und dass nun mittelst allerhand phantastischer
Combinationen die entstandene Lücke ausgefüllt werde.
Schopenhauee's Beweisführung ist aber noch
besonders eigenartig. Obschon er zweifellos sich be-
müht hat, aus eigener Wahrnehmung sich über
das Bild des Wahnsinns zu unterrichten, so stützt er
sich doch in fast noch höherem Maasse auf ein ganz
andersartiges Material. Die Gestalten der genialen
Dramatiker sind es, welche er im Auge hat, der Tor-
16 ^16 Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit.
quato Tasso Goethe's, der rasende Ajax des So-
phokles, König Lear und Ophelia bei Shakespeaee.
Diese Gestalten des echten Genius, sagt Schopen-
HAUEE, sind wirklichen Personen an Wahrheit gleich-
zusetzen und geben das Wesentliche des Wahnsinns
für Jedermann deutlich erkennbar wieder.
Hier aber irrt er ohne Zweifel! Die Gestalten des
Wahnsinns, bei Shakespeaee besonders, enthalten ja durch-
aus naturwahre Umrisse, durchaus richtige Grund-
linien; aber ihr Körper besteht aus reinster Poesie.
Der poetische Gehalt tiberragt weitaus den Gehalt an
Naturwahrheit! Nur ein Geist wie Shakespeaee kann
deliriren wie Ophelia; dem gewöhnlichen Menschen-
geist kommt solch' zarter Duft nicht zu!
Zudem nehmen die Dichter ein durchaus ein-
seitiges Interesse am Wahnsinn, indem sie ihn immer
aus ausgeheueren inneren Conflicten, aus einem un-
geheuren Seelenschmerz hervorgehen lassen, — und
ScHOPENHAUEE gelangt so auf Grund seines eigenartigen
Materials zu dem geradezu mystischen Schluss, dass
im Wahnsinn die Natur zum letzten Rettungsmittel greife,
um die durch ein ungeheueres inneres Leiden bedrohte
Individualität über die Krisis hinüber zu geleiten.
Um wie viel einfacher, klarer und naturgemässer
denkt hier Shakespeaee, wenn er König Lear sagen
lässt: „Wir sind nicht wir, wenn die Natur im
Die Grenzen geistiger Gresundheit und Krankheit. 17
Drück die Seele zwingt zu leiden mit dem
Körper'^ Hier ist Shakespeake's Psychologie ganz
und gar die unsere. Der Körper ist es in erster
Linie, der den Geist krank macht, und das kranke
Gehirn hat seine eigenen Gesetze. Hier herrscht nicht
die Logik des gemeinen Menschenverstandes,
nicht die Logik der Metaphysiken Die Besonder-
heiten der kranken Seele erklärt uns auch nicht die
Psychophysik in ihrer heutigen Form, wir brauchen
weit mehr — und soweit wir dieses Mehr nicht auf
dem Wege der methodischen, langsam vorwärts
schreitenden Forschung erreichen können, müssen wir
versuchen, ob uns nicht der glückliche Gedanke
vorwärts hilft, dessen wir auf einem so überaus ver-
wickelten Gebiet, wie die Psychiatrie, niemals entbehren
können; die freie Combination der Erfahrungen auf
den verschiedensten Wissensgebieten: der Anatomie,
der Biologie, Patiiologie und Psychologie kommt hier
in Betracht. Zum umfassenden Studium alles geistigen
Geschehens, ganz gleichgültig, ob es in's Bereich des
formalen oder Pathologischen fällt, muss sich gesellen
das Streben, jede geistige Erscheinung zurückzuführen
auf Eigenthümlichkeiten, auf Faktoren der körper-
lichen Organisation, auf körperliche Vorgänge!
Hierzu bedarf es auf der einen Seite einer natur-
gemässen Zergliederung der Seele, welche wirklich
18 Die Grenzen geistiger Gresundheit und Krankheit.
die Darstellung der letzten seelischen Elemente
gewährleistet, und der Anknüpfung dieser Elemente an
ihre materiellen Träger, insbesondere das Gehirn.
Wenn man dieses Verlangen als verfrüht, als
übereilt hinstellen möchte, so entgegne ich, dass wir
unserem Ziel bereits viel näher sind, als die Schul-
weisheit es sich träumen lässt. Die Lehre vom Hirn-
bau, die unentbehrliche Voraussetzung jeder wirkhch
wissenschaftlichen Seelenlehre, hat in den letzten Jahren
so grosse Fortschritte gemacht, dass wir uns mit
Eiesenschritten dem Ziel nahem, den Ansatz zur
Berechnung der menschlichen Seele zu finden.
Die Analyse des kranken Menschengeistes ist that-
sächlich in erster Linie ein physisches Problem —
nur darf man nicht wähnen, wie Herbaet, die Prin-
cipien für eine Statik und Dynamik der psychischen
Kräfte auf dem Wege der Speculation finden zu
können — sondern jeder Schritt muss durch die Er-
fahrung, insbesondere die Himlehre, controlirt werden.
Die Psychiatrie ist die Lehre von den Variationen des
Seelenlebens unter veränderlichen körperlichen Be-
dingungen. Deshalb muss sie in erster Linie sich an-
klammem an die Hirnforschung; jede Art Metaphysik
wirkt hier, einem Narkotikum gleich, verwirrend auf
die Klarheit unserer Anschauungen.
Was hat hier nun der gemeine Menschenverstand zu
Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 19
suchen? Abgesehen etwa von gelegentlichen Erfahrungen
über Fieberdelirien erlangt der Laie fast nur aus den
Erscheinungen der Alkohol-Intoxication eine Vor-
stellung von der Macht körperlicherFaktoren über das
Seelenleben. So wenig erfreulich diese Thatsachen sind,
so sind sie doch leider so wichtig, da§s ich mir ge-
statten möchte, hier kurz auf dieselben einzugehen.
Die Trunkenheit ist durchaus nicht eine so ein-
fache Erscheinung, dass der gemeine Menschenverstand
sich von ihr eine erschöpfende und richtige Vorstellung
zu machen im Stande wäre. Wie kommt es, dass der
Eine absolut gefeit ist gegen die Wirkungen des Al-
kohols (allerdings eine seltene Abnormität), während
der Andere durch jeden Alkoholexcess in einen Zu-
stand förmlicher Tobsucht geräth, während der Dritte
nur eine leichte Anregung der Phantasie und dann
Neigung zum Schlaf zeigt?
Gehen wir diesen einfachen Thatsachen nach, so
stossen wir alsbald auf einen wichtigen Factor, den
Einfluss der ererbten Constitution, der Heredi-
tät. Die Abkömmlinge gesunder kräftiger Eltern
können sich ungestraft einem Excess überlassen, ohne
dass sonderlich auffällige Erscheinungen sich bei ihnen
zeigen; die Glieder von. Familien, in welchen Geistes-
und Nervenkrankheiten erblich auftreten, verfallen ge-
legentlich auch durch einen leichten Excess in Zu-
20 1^16 Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit.
stände, welche nach allen Richtungen hin Geistes-
störungen gleichen. Wfis bedeutet denn nun hier der
erbliche Factor? Nur die exacte Empirie der
Psychiatrie kann hier eine Antwort geben. In den
Augen der Wissenden bedeuten gewisse, keines-
wegs alle, Formen der erblichen Belastung
überhaupt schon eine Geistesstörung — wenn
auch nicht actuell, so doch potentiell! Die reine
Erfahrung lehrt dies unabhängig von jeder Theorie —
und giebt für die Beurtheilung der Willensfreiheit der-
artiger Individuen Gesichtspunkte an die Hand, welche
der gemeine Menschenverstand ebenso wenig spielend
zu fassen vermag, wie er die Probleme der höheren
Mathematik spielend zu bewältigen im Stande ist.
In anderen Fällen besonderer, eigenartiger Reac-
tion auf den Alkohol beobachten wir selbst beim
Fehlen erblicher Belastung gewisse Deformitäten
am Körper, mangelhafte Bildung einzelner Theile, wie
des Schädels, der Ohren u. a. m. — Das häufige Zu-
sammentreffen solcher „Degenerationszeichen" mit
geistigen Abnormitäten lehrt uns einen inneren Zu-
sammenhang zwischen beiden zunächst rein em-
pirisch vermuthen — und weitere Erwägungen führen
schliesslich zu der Erkenntniss, dass irgend welche
störenden Einflüsse das in der Entwickelung
begriffene Individuum getroffen, die Entwicke-
Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 21
lung einzelner Organe in falsche Bahnen gelenkt hahen
— es handelt sich hier um stets angeborene, aber nicht
immer ererbte Eigenthümlichkeiten, deren Bedeutung
im Einzelnen zweifellos noch vielfach dunkel ist.
Bei weiteren Individuen trifft eine abnorme Reac-
tionsweise zusammen mit den Symptomen von Nerven-
krankheiten, wie Epilepsie, Hysterie u. a. m.; in noch
anderen zeigt ein vorher Normaler abnorme Keactions-
formen, seitdem er eine Hirnerschütterung erlitt,
mit welcher sich sein Charakter dauernd änderte, seit-
dem er einen Typhus durchgemacht, nachdem er
längere Zeit gewohnheitsmässig Alkohol, Morphium
oder andere Narkotika genommen hat.
So lange man diese Thatsachen nicht würdigte,
stand man gewissen geistigen Erscheinungen völlig
ratlos gegenüber und suchte durch allerhand ge-
künstelte psychologische Hypothesen den Mangel an
sicherem Wissen zu ersetzen. So entstand z. B. die
Lehre von der Mania transitoria. Indem man be-
obachtete, dass gewisse Individuen, die anscheinend
völlig gesund sind, plötzlich stundenweise heftig und
sinnlos toben und wüthen, um darnach nie wieder in
ihrem Leben psychisch zu erkranken, discutirte man
alles Ernstes die Frage, ob bei einem gesunden Men-
schen eine solche Störung plötzlich wie aus . heiterem
Himmel entstehen könne. Beobachtungen in meiner
22 Die Grrenzen geistiger Gresundheit und Krankheit.
AMMMV^^M^Vl^l^M^^^A^MAMAAAAAAAAAAAM
Klinik haben ergeben, dass diese Form gelegentlich
auch entsteht bei nicht-nervenkranken Personen, welche
nach dem Genuss von relativ selbst geringen Mengen
Alkohol einen heftigen Stoss gegen den Kopf erleiden
oder sich einer intensiven Erhitzung aussetzen — es
lässt sich hier, wie ohne weiteres ersichtlich, nur eine
physikalisch-chemische Erklärung des Vorganges geben,
der gemeine Menschenverstand steht sprachlos den
Thatsachen gegenüber, für welche auch die subtilste
Psychologie ohne Kenntniss der Ursachen keine Er-
klärung zu geben wüsste.
So lassen sich zahllose Einzelerscheinungen auf
dem Gebiet des kranken Seelenlebens durch eine
exacte Empirie als Wirkungen abnormer Himzustände
erklären, direct ohne weite Umschweife; und die Gesichts-
punkte, welche wir hier gewinnen, lassen sich bei allen
zweifelhaften Seelenzuständen in Anwendung bringen.
Gestatten Sie mir nun, hochgeehrte Anwesende, zum
Beleg hierfür noch auf einige andere wirkliche oder
angebliche Grenzgebiete des Irreseins etwas
näher einzugehen.
Unter den vermeintlichen Opfern der Irrenärzte,
welche in den letzten Jahren die öflfentliche Meinung
lebhaft erregt haben, nimmt eine Gruppe von Persön-
lichkeiten einen hervorragenden Platz ein, welche sich
dadurch auszeichnen, dass sie in einem ununter-
Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 23
brochenen Kriegszustand mit den Gerichten und Be-
hörden leben, sich principiell in der Auslegung der
Gesetze über den Gesetzgeber stellen und den natur-
gemässen Misserfolg dieser Bestrebungen lediglich der
Unwissenheit, dem pflichtwidrigen Verhalten oder sogar
verbrecherischen Absichten der Kichter zuschreiben.
Diese Individuen, auf deren geistiges Gleichgewicht
die staatliche Ordnung, die geltenden rechtlichen Ver-
hältnisse vielfach geradezu wie ein Gift wirken, werden
gemeinhin als Quärulanten bezeichnet. Ich wage es
nicht, hier näher auf den Begriff des Quärulanten-
wahnsinns einzugehen, da ich kaum ein allgemeineres
Interesse für denselben voraussetzen darf. Ich gestatte
mir aber in Anbetracht der eminent praktischen Be-
deutung der Frage auch in politischer Hinsicht einige
kurze Bemerkungen zu machen.
Wenn schon mir kein Fall bekannt ist, wo ein
geistig Gesunder als an Quärulantenwahn leidend ent-
mündigt worden wäre, so nehmen doch meines Er-
achtens selbst Irrenärzte diesen Zuständen gegenüber
eine Stellung ein, welche ich nicht als eine wissen-
schaftlich haltbare bezeichnen kann. Die Aerzte ver-
fallen vielfach in den Fehler des Schematisirens, der
unrichtigen Verallgemeinerung einzelner Beobachtungen.
Die sogenannten Quärulanten leiden keineswegs
ausnahmslos an Wahnsinn; sie werden nicht sämmt-
24 I^ie Grrenzen geistiger Gesundheit und Krankheit.
lieh durch wahnhafte Ideen in ihrem Thun geleitet!
Auch abgesehen von jenen Individuen, welchen zum
wenigsten theilweise wirklich Unrecht geschehen
ist, gehört nur ein Theil der Quärulanten zu den mit
fixen Wahnvorstellungen behafteten, zu den chro-
nisch verrückten Geisteskranken im Sinne der wissen-
schaftlichen Psychiatrie. Diese Individuen zeigen ja
in der That allerhand Sinnestäuschungen und phan-
tastisch ausgemalte Verfolgungsideen und schwelgen in
ihrer Rolle als Erlöser der vom Gesetz bedrückten
und vergewaltigten Volksgenossen. Aber diese äusserst
leicht zu beurtheilenden Verrückten oder Wahnsinnigen
bilden eben nur einen Theil der Quärulanten!
Ein weiterer Theil zeigt in erster Linie nicht intel-
lektuelle Anomalien, sondern Charakterfehler,
welche im einzelnen wiederum mannichfaltig variiren.
Eine hierher gehörige Gruppe steht der ausgeprägten
moral insanity, dem moralischen Irrsinn sehr nahe; es
sind sittlich defekte Individuen mit perverser ver-
schrobener Fühlweise, welche mit Rücksichtslosigkeit
ihre selbstsüchtigen Pläne verfolgen, zum Theil er-
muthigt durch eine gewisse Urtheilssch wache, wie sie
der Mangel an gesundem Fühlen nothwendigerweise
mit sich bringt Eine weitere Varietät aber zeigt an sich
nur massige Abnormitäten, welche nur durch ihre
besondere Gruppirung zu einem Handeln führen,
Die G-renzen geistiger Gresundheit und Krankheit. 25
welches dem von Geisteskranken gleicht Wenn ein
Mensch, der seine Urtheilsfähigkeit weit überschätzt,
mit lebhaftem Selbstgefühl begabt, hartnäckig und reizbar
ist, vor den Gerichten nicht zu seinem vermeintlichen
Eecht kommt, so gelangt er leicht zu der Ueberzeugung,
dass die Richter beschränkt oder schlecht sind. Beim
Handeln dieser Individuen spielen aber keineswegs
in erster Linie unlogische Schlussfolgerungen die
Hauptrolle, sondern das Treibende sind lebhafte Ge-
fühle, stehende, das Denken in gewisse engbe-
grenzte Bahnen zwingende Affekte, welche
zwischen einer zornigen, trotzigen Exaltation und einer
erregten melancholieähnlichen Depression in vielfachen
Nuancen hin- und herschwanken. Die Entstehungs-
weise dieser krankhaften Gefühle und Stim-
mungen, die Ursachen ihres zähen Haftens, ihres
Nichtvergehens, sind in erster Linie vom Arzt festzu-
stellen, wenn er den Gesammtzustand richtig beurtheilen
soll. Dies gelingt aber niemals auf psychologi-
schem Wege; sondern der Einfluss körperlicher Mo-
mente, der erblichen Anlage, erlittener Verletzungen
überstandener Krankheilen ist hier vor Allem in Be-
tracht zu ziehen — es ist also die biologisch-patho-
logische Forschungsmethode anzuwenden — und diese
führt fast stets zum befriedigenden ZieL Unerfahrene
Aerzte hingegen, beeinflusst durch den Gesammt-
26 ^16 Grenzen geistiger G^undheit und £[rankheit
eindruck der Quärulanten, suchen häufig in erster Linie
nach geistigen Symptomen, welche an sich Geistesstörung
beweisen; sie begnügen sich nicht mit dem durchaus ge-
nügenden Nachweis der angeborenen oder erworbenen Be-
lastung und zahlreicher kleinerer in Summa potentiell
einer Geisteskrankheit durchaus gleichwerthiger Ab-
weichungen. Eine „fixe Idee" erscheint ihnen beweis-
kräftiger; sie übersehen aber hierbei, dass ein solch be-
quemer Ausweg keineswegs immer der richtige ist. —
Zu alledem kommt aber ein unleugbarer Mangel
der Gesetzgebung, die ungenügende Definition dessen,
was man unter Willensfreiheit und Freiheit des Ver-
nunftgebrauches zu verstehen habe. Da die wissen-
schaftliche Psychologie diese Begriffe ausgemerzt hat,
da jeder Philosoph sie anders definirt — so wird die
Entscheidung schliesslich dem gesunden, dem ge-
meinen Menschenverstand anheimgegeben — und
so kömmt dieses fragwürdige Orakel gerade an
dem Punkt der Gesetzgebung zur Geltung, wo man
streng wissenschaftlicher Definitionen am wenigsten
entrathen kann, bei Beurtheilung der rechtlichen Folgen
krankhafter Gefühls zustände.
Dies gilt in fast höherem Maasse für eine weitere
zum Theil verwandte Gruppe von Individuen, über
deren Geisteszustand vielfach Meinungsverschiedenheiten
zwischen Aerzten und Laien, insbesondere den Juristen
Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 21
MWWWMMIMMMMk
bestehen, für gewisse Gewohnheitsverbrecher,
Es kann nicht meine Aufgabe sein, hier auf alle
tue zahlreichen Einzelfragen einzugehen, welche die
anthropologische Betrachtung des Verbrecherthums
überhaupt zu Tage gefördert hat — nur darauf möchte
ich mir gestatten, Ihre Aufmerksamkeit zu lenken, ob
und inwiefern aus den körperlichen Befunden ins-
besondere am Grehirn von Verbrechern ßückschltisse
auf ihren Geisteszustand gemacht werden können.
Dass zahlreiche Beziehungen zwischen Seelen-
störungen und Verbrechen bestehen, wusste man be-
reits seit geraumer Zeit. Schon der englische Irren-
arzt Peichahd hat vor mehr als 60 Jahren an die
Eichter die Mahnung gerichtet, bei Menschen, welche
ein ganzes Leben von Schlechtigkeit und ethischer Ent-
artung zeigen, stets das Vorhandensein einer geistigen
Abnormität in Betracht zu ziehen. Pbichatit) ist es,
welcher den Begriff der moral insanity in die Psychiatrie
eingeführt hat. Es giebt, sagt er. Kranke, bei welchen
ohne wesentliche Störungen des Intellekts in Form
von Geistesschwäche oder Wahnideen oder Sinnes-
täuschungen, „eine krankhafte Verkehrung der Gefühle,
Affekte, Neigungen, des Temperaments, der Gewohn-
heiten und natürlichen Triebe sich zeigt" — wo also
jene ganze Sphäre, welche wir Charakter nennen,
pathologisch verändert ist. Pbichabd hielt diese Fälle
28 I^ie Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit
MWAMMIMMAWMMWWWMAMIMMAMIMWMMMWMtMMWMMAAMMAA^
krankhafter Gemüthsart (nicht nur ethischer Verderbt-
heit) nicht eben für häufig; es kam ihm durchaus nicht
in den Sinn, etwa den Gewohnheitsverbrecher schlecht-
hin darunter zu subsumiren — und die Psychiatrie,
welche sich in den Bahnen wissenschaftlich strengen
Denkens bewegte, hat sich ihm bis auf heute an-
geschlossen. Sie hat die Lehre von den krankhaft;en
Gemütszuständen weiter ausgebildet, sie hat speciell die
Anomalien des sittlichen Fühlens schärfer ins Auge
gefasst und ist insbesondere unter dem Einfluss des
französischen Psychiaters Möbel dazu gelangt, hier zu
unterscheiden zwischen dem einfachen Mangel der sitt-
lichen Gefühle, dem moralischen Stumpf- oder Blöd-
sinn, der moralischen Idiotie, wenn angeboren — und
dem Gefiihlswahnsinn, dem Delirium der Gefühle und
Handlungen, der ümkehrung, der Perversion insbesondere
des sittlichen Empfindens.
Dem auf dem Gebiet der Criminal-Anthropologie
gegenwärtig so viel genannten Psychiater Lombboso
war es vorbehalten, die durchaus nüchterne psychia-
trische Lehre von der moral insanity in unheil-
vollster Weise zu verwirren — indem derselbe einer-
seits behauptete, dass alle echten Verbrecher als
moralisch Irrsinnige im Sinne der Psychiatrie anzusehen
seien, andererseits dass diese moralisch Irrsinnigen
nicht wirklich einen pathologischen Zustand verkörpern,
Die Grenzen geistiger Gresundheit und Krankheit. 29
AAAAMAAMMMWAMMAAMMMAMMMAAMMMMMMM
sondern vielmehr eine besondere Varietät, eine besondere
Spielart des homo sapiens darstellen. Diesen Typus
bezeichnet Lombeoso als den des geborenen Verbrechers,
des Belinqnente nato — und fasst ihn auf als einen
Rückfall auf niedere Entwickelungsstufen, als Atavismus.
Die Gründe, auf welche Lombeoso sich hierbei
stützt, sind theils gegeben in gewissen geistigen Eigen-
schaften vieler Gewohnheitsverbrecher, in welchen er
Aehnlichkeiten mit dem Geisteszustände wilder Völker-
schaften findet, theils in körperlichen Eigenthümlich-
keiten, welche angeblich so charakteristisch sind, dass
LoMBEOso darin geradezu eine Art Rassentypus er-
blickt: Besonderheiten in der Bildung des Schädels, des
Gesichts, z. B. ungeheure Entwickelung der Kauwerkzeuge,
der Ohren, sogenannte Henkelohren, der Behaarung
u. s. w. sollen diesen ^^Tipo criminale^^ auszeichnen.
Die strenge Wissenschaft hat sich Lombeoso nicht an-
geschlossen; er und seine Anhänger stehen ausserhalb
derselben. Die Gewohnheitsverbrecher repräsentiren
selbst nicht zu einem Viertel einen ganz besonderen
Typus, weder geistig, noch körperlich. Aber es giebt
unter ihnen zweifellos eine procentisch vorläufig nicht
genau bestimmbare Anzahl, welche Abweichungen des
Himbaues zeigen. Ich meine hier nicht jene, bei Ver-
brechern häufig vorhandenen krankhaften Veränderungen
am Schädel und den Gehirnhäuten, in Folge von aller-
30 Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit.
band Entzündungen, Infectionskrankheiten, Alkoholismus,
Schädelverletzungen, welche die Verbrecherlaufbahn mit
sich bringt, sondern wirklich ursprüngliche, an-
geborene Bildungsanomalien des Gehirns, Abweichungen
in der Form seiner Oberfläche, in der Anordnung seiner
Windungen, in den Proportionen seiner Theile. Was
haben diese zu bedeuten? Sie kommen, obwohl sie im
Einzelnen vielfach variiren und somit keineswegs einen
besonderen Typus darstellen, doch meist darin überein,
dass diejenigen Himtheile schlecht entwickelt sind,
welche ich als Associationsorgane, als geistige
Gentren, als Denkorgane bezeichnet habe. Daher
vielfach die fliehende Stirn des Gewohnheitsverbrechers,
welche durch eine ungeheure Entwickelung der luft-
haltigen Stirnhöhlen oft scheinbar compensirt, in der
Eegel aber noch auffälliger wird.
Zweifellos erklären uns diese Hirnbefunde eine
Anzahl psychischer Eigenschaften mancher Gewohnheits-
verbrecher, und zwar in erster Linie das häufige Vor-
kommen intellectueller Inferiorität, geistiger
Minderwerthigkeit Ich rechne hierher insbesondere
den völlig mangelnden Hunger nach Wissen, nach
geistigem Besitz, den Mangel ernster objectiver Inter-
essen, die Unfähigkeit, sich von der Zukunft ein um-
fassenderes Bild zu machen und so consequent nach
einem vernünftigen Ziele zu streben. Vielleicht beruht
Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 31
auf der geringen Entwickelung der geistigen Centren
auch die (bei wirklichen Idioten noch viel stärker aus-
geprägte) Lust und Freude an vielfach kaleidoskopisch
wechselnden äusseren Eindrücken: die eigentliche Wurzel
des Vagabundencharakters, und die damit häufig ver-
bundene Erschöpf barkeit des Gehirns, welche schon
nach kurzer Concentration der Aufmerksamkeit lebhaftes
körperliches Unbehagen erzeugt und solche Individuen
arbeitsscheu macht, ja zum Verbrechen zwingt, wenn
ihnen die Allgemeinheit nicht freiwillig Subsistenzmittel
zur Verfügung stellt
Schon diese letzteren Charakterzüge lassen sich
indess nicht ohne einen gewissen Vorbehalt ledig-
lich aus der Kleinheit der geistigen Centren ableiten;
und dies gilt noch in weit höherem Maasse von dem
Gesammtcharakter des Gewohnheitsverbrechers.
Zahlreiche, einfach beschränkte Individuen mit
schlecht entwickelten geistigen Centren des Gehirns
lassen keinerlei verbrecherische Tendenzen erkennen —
Gesetzesübertretungen kommen ja in Folge mangelnder
Uriheilsfähigkeit allenthalben vor — aber das gewohn-
heitsmässige aggressive Vorgehen gegen die Gesell-
schaft, das rücksichtslose Sichhingeben an verbrecherische
Impulse, die absolute Herrschaft rohester sinnlicher
Triebe kommen der einfachen Geistesarmuth in Folge
von Gehimkleinheit nicht irgend wie regelmässig zu!
32 1^16 Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit.
Hier ist thatsächlich die Form des Gehirns,
die Form, Grösse und Verbindung seiner Theile
nicht durchaus in erster Linie maassgebend!
ffier tritt auch ein Factor in Wirksamkeit, welchen wir
nach Allem, was wir wissen, als einen chemischen,
nicht als einen anatomischen zu betrachten haben.
Die Gemüthsstumpfheit, der Mangel an Mitgefühl,
Mitleid, wie die Lust am Scheusslichen, die eigentliche
Gemüthsentartung entwickelt sich häufig unter unseren
Augen, und wir können so die maassgebenden Be-
dingungen genau überblicken. ♦
Dass hier vielfach eine besondere Keimanlage
mitwirkt, welche von innen heraus die Entwickelung
bis zur vollendeten Pubertät entscheidend beeinflusst,
ist nicht zu bezweifeln. Jene unglücklichen Wesen, die
in Folge der Laster ihrer Eltern schon im ersten
Werden vergiftet werden, sind offenbar vielfach durch
die den Keimen zugesetzten Gifte, z. B. Alkoholmolectile,
unmittelbar zur Charakterentartung prädestinirt. Wenn
solchen Organismen nicht die Kraft innewohnt, sich in
allen Einzelheiten bis zur vollen Entwickelungshöhe
auszubilden, so bleibt gelegentUch auch das Gehirn auf
einer niederen Entwickelimgsstnfe stehen; es gesellt
sich aber hier zur Hirnkleinheit noch die ererbte
Reizbarkeit des Alkoholisten. Hier wirkt also ein im-
manenter Factor nicht nur hemmend auf die Bildung,
Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 33
sondern auch alterirend auf die Fühlweise des Gehirns;
und derartige Combinationen ergeben häufig tief
verbrecherisch veranlagte Naturen.
Es können aber auch Schädlichkeiten, welche das
bereits zur Welt gekommene Wesen treffen, den
Grund zu einer Charakterdepravation legen. Hier stossen
wir nun auf das was man gewöhnlich Milieu nennt,
und zwar das Milieu im weitesten Sinne — nicht nur
die geistig-sittliche Beeinflussung durch die Umgebung,
das ethische Milieu, sondern vor allem die physischen,
die körperlichen Schicksale und Erlebnisse. Je jünger
das Kind, um so verderblicher wirken alle gesundheits-
widrigen Einflüsse auch auf den Charakter — noch bis
zur Pubertät können physische Schädlichkeiten aus einen
ursprünglich gutartigen Charakter eine völlig perverse
Persönlichkeit mit Verkehrung aller Triebe und Gefühle
machen. Erst mit Abschluss der Triebentwickelung
hört dies auf. Ist dann der Charakter in der Haupt-
sache fertig, so kann er nur noch quantitativ verändert
werden, sofern nicht ausgeprägte Gehirn- und Geistes-
störungen ins Spiel kommen, welche schliesslich alles
vernichten können. Die Gewohnheitsverbrecher mit
niederem Hirntypus sind nun auf einer niederen Ent-
wickelungsstufe stehengebliebene Individuen ; sie befinden
sich in Anbetracht der Himform in einem Zustande
dauernder Kindheit — und vielleicht wirken schon des-
3
34 I^ie Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit.
halb krankmachende Factoren bei ihnen besonders leicht
depravirend auf den Charakter — wie bei wirklichen
Kindern.
Betrachtet man die zu Charakterentartung fuhren-
den körperlichen Einflüsse etwas näher, so sind
dieselben äusserst zahlreich. Neben schlechter Ernährung,
erschöpfenden Excessen, Infectionskrankheiten, schmerz-
haften Leiden, welche im allgemeinen den Körper schä-
digen, neben umschriebenen schweren Himkrankheiten^
tritt eine Gruppe von Vergiftungen und Nervenkrank-
heiten in den Vordergrund, welche alle in einem
Punkte übereinkommen, darin, dass sie vorüber-
gehend oder dauernd die Schmerzgefühle aufheben.
Das Schmerzgefühl ist ein wichtiger, ein fun-
damentaler moralischer Factor. Ohne eigene
Schmerzgefühle vermögen wir weder Mitleid zu empfin-
den, noch aus der Erfahrung zu lernen; der Schmerz,
an sich die gröbste Form aller ünlustgefiihle, ist die
Basis zahlreicher feinster und edelster Gefühlsnüancen
— und diese gehen sämmtlich verloren durch die Ein-
flüsse, welche die Schmerzempfindung im allgemeinen
aufheben. Alle die Narcotica, welche wir anwenden,
um Schmerzen zu lindem, schädigen so gewohnheits-
mässig genommen die moralischen Gefühle; ich möchte
hier nur auf das Morphium hinweisen, das schmerz-
lindernde Mittel xax ^o/ijv] gewohnheitsmässiger Mor-
Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 35
phiummissbrauch schädigt auf das tiefste das sittliche
Empfinden — und dasselbe gilt vom Alkohol, wenn
er in concentrirter Form genossen wird. — Es
giebt aber auch eine Anzahl von Nervenkrank-
heiten, welche anfalls weise oder dauernd mit Schmerz-
losigkeit, Analgesie, einhergehen, die Hysterie, der
Hypnotismus, die Epilepsie — und auf ihrem Boden
erwachsen schwere allgemeine Charakterveränderungen
zum Theil mit Perversion der sittlichen Gefühle. Aus
gutartigen, socialgestimmten Wesen entwickeln sich unter
ihrem Einfluss Charaktere, welche den Schrecken ihrer
Umgebung bilden — mögen nun jene Nervenkrankheiten
erwachsen auf dem Boden einer Vergiftung, einer Hirn-
erschütterung oder von Gemüthsbewegungen oder sonst
welcher Einflüsse.
Der Schlüssel zu dieser fundamentalen Thatsache
wird ausschliesslich geliefert durch die Himanatomie.
Sie zeigt uns, dass es gewissermaassen ein Charakter-
centrum, ein Hauptorgan des Charakters im
Gehirn giebt. Dasselbe deckt sich mit dem Theil,
welchen wir Körper fühlsphäre der Hirnrinde
nennen; hier kommt der Körper sich selbst zum Be-
wusstsein mit allen seinen Trieben, seinen Bedürfnissen,
seinem Kraftvorrath, seinen Schmerzen etc.
Von der Erregbarkeit dieses Hirntheils hängt es
in erster Linie ab, ob die Triebe roh oder zart ins
8*
36 l^ie Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit.
Bewasstsein treten. Anf dieses Centram hat fast
ein jeder Körpertheil Einfluss; in ihm summiren
sich die von allen Körperorganen ausgehenden Nerven-
reize zur Stimmung; von ihm gehen die Impulse aus, wenn
wir die Faust ballen, wenn wir theilnehmend die Hand
drücken — die Impulse zu jeder zärtlichen Umarmung.
Der Charakter ist eine Resultirende des Gesammt-
körpers; der Intellect ist in der Hauptsache nur von
einzelnen Hirntheilen abhängig, und zwar von an-
deren Theilen als der Charakter. Deshalb sind Intellect
und Charakter bis zu einem gewissen Grade unabhängig <
von einander; deshalb wirken Krankheiten nicht gleich-
massig schädigend auf das Licht des Verstandes und
die Fülle des Herzens. Deshalb ist die Fähigkeit, rein
begrifflich ethische Grundsätze fiir das Handeln im
Gedächtnisse aufzubewahren, nicht identisch mit der
Aufaahme derselben in Fleisch und Blut Dieses Fleisch
und Blut muss besonders geartet sein, um sich ethische
Grundsätze wirklich anzueignen; ist es entartet, so bietet
es erziehlichen Einflüssen keinerlei Handhabe.
Die Charaktercentra des Gehirns sind es nun,
welche durch viele narcotische Substanzen in erster
Linie beeinflusst werden — daher die schmerzstillende
Wirkung des Morphium auch ohne Aufhebung des allge-
meinen Bewusstseins, daher die „sorgenbrechende" Wir-
kung des Alkohols!
Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 37
Diese Himtheile sind es aber auch, in welchen die
wichtigsten Nervenkrankheiten, die Epilepsie, die Hysterie
ihren Hauptsitz, ihrenHaupt- Ausgangspunkt haben. —
Deshalb ändert sich der Charakter häufig in so
schlimmer Form, wenn das wachsende Individuum von
diesen Nervenkrankheiten betroffen wird ; deshalb können
wir uns nicht wundem, wenn Alkoholisten und Nerven-
kranke zu den Verbrechern ein so grosses Contingent
stellen. Und dasselbe gilt, wie ich besonders hervor-
heben möchte, auch von häufig sich wiederholenden
hypnotischen Zuständen — zweifellos wenn sie spon-
tan entstehen! Viele Grewohnheitsverbrecher, insbesondere
Schwindler und Hochstapler, sind Hypnotiker; viele der
gefährlichsten Insassen der Irrenanstalten gehören
zu denselben. Wahrscheinlich wirkt aber auch die
künstlich, z. B. zu Heilzwecken erzeugte Hypnose
ähnlich! Denn man beobachtet gar nicht selten bei
Personen, welche vor der Anwendung der Hypnose
Zeichen einer Charakterentartung nicht darboten, solche
in ausgeprägter Form nach häufiger Wiederholung dieser
Procedur. Es verdient diese primäre, von speciellen
Suggestionen durchaus unabhängige Charakterschädigung,
welche, wie mir scheint, den eigentlichen Schlüssel für
gewisse aufsehenerregende Vorkommnisse der Jüngst-
vergangenheit darstellt, meines Erachtens die vollste
Aufmerksamkeit der Staatsbehörden.
38 I^i^ Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit.
MMMMMIAMMMMMMWWIMIMIMWMMMAMMMMMWWWWWWWMMA^^
Die Charakter-Entartung braucht also
keineswegs angeboren zu sein; die Hirnform ist
nicht das in erster Linie entscheidende, und so finden
wir denn die Stumpfheit der sittlichen Gefühle auch
bei Individuen, welche durch eine hohe^ ja eine emi-
nente intellectuelle Begabung sich auszeichnen,
deren Gehirn auf das reichste entfaltet ist. Und
hierin hegt ein weiterer Grund, um das Suchen nach
einem bestimmten körperlichen Typus des Gewohn-
heitsverbrechers von vornherein für ein völlig ver-
fehltes Beginnen zu erklären.
Es giebt Verbrecher-Naturen von hoher intel-
lectueller Begabung; jene erstgenannten mit niederem
Himtypus sind nur der eine Endpunkt der Reihe, die
in Rede stehenden stellen den anderen Pol dar. Hier
verbinden sich die verbrecherischen Instincte mit ge-
waltigen Yerstandeskräften; und es kommt so zu un-
geheuerlichen Unternehmungen, welche auf den ersten
Blick mit den Tendenzen des gewöhnlichen gedanken-
armen Verbrecherthums, Aehnlichkeit überhaupt nicht
erkennen lassen. Man bezeichnet häufig — mit Recht? —
Napoleon I. als Repräsentanten dieser mit ungeheuerem
Intellecte gepaarten dämonischen Naturen. Es ist
sehr wahrscheinlich, dass derselbe epileptisch war, wie
alle grossen Cäsaren; keineswegs aber ist erwiesen, dass
er nur vermöge seines epileptischen Charakters nicht
Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 39
I
davor zurückscheute, MiUioneh dem Verderben preiszu-
geben — denn bei seinen Landsleuten, den Corsen,
galt, wie Taine hervorhebt, das Menschenleben über-
haupt nicht viel, so dass i^^apoleon sehr wohl die
Gefühlskälte von den corsischen Vorfahren unmittelbar
ererbt haben könnte.
Wo die Epilepsie, wie bei Napoleon, in ihren
gewöhnlichen Erscheinungen nur selten hervortritt,
scheint die Krankheit gelegentlich die geistige Spann-
kraft ins Unendliche zu erhöhen; die krankhafte Rei-
zung des Gehirns entladet sich hier nicht in einzelnen
blitzartigen Schlägen — sondern es kommt zu einer
dauernden Schwüle im Seelenorgan, welche tropischer
Hitze gleich treibend auf die Gedanken- Vegetation wirkt
und zeitweise zu einer wahrhaft übernatürlichen Gluth der
Triebe und Gefühle sich steigert — Zustände, für welche
Mohammed eines der bekanntesten Beispiele darstellt.
Diese Thatsache hat nun zu einem weiteren 1it-
thum verführt, welcher wiederum durch Lombhoso den
extremsten Ausdruck gefunden und die Kritik auf das
Schroffste herausgefordert hat. Lombboso glaubt die
Natur des genialen Menschen, das Wesen des Genies
überhaupt definiren zu können als einen Degene-
rationszustand aus der Gruppe der epileptischen
Störungen in Form des moralischen Irreseins.
Ich schätze mich glücklich, durch meine Untersuchungen
40 I)ie Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit.
MMAAAMMMAAAMMMMMAAMMMMMMMMAMWkMMMMMMMWAMMMMWMWMAMMIAMWMWMMWMW^
ZU dem Nachweis gelangt zu sein, dass auch diese
ungeheuerliche Lehre Lombroso's sich auf einen
fundamentalen Irrthum gröbster Art gründet — und
bitte demgemäss mir zum Schluss noch einige Er-
örterungen gestatten zu wollen darüber, inwiefern
auch der geniale Mensch als ein Bewohner des
Grenzgebietes geistiger Gesundheit und Krankheit
zu betrachten ist.
Es ist keineswegs eine Gepflogenheit der Neuzeit
zwischen Genie und Wahnsinn etwas Verwandtes zu
finden. Im Gegentheil, wie eine Sage aus der Ur-
heimath der Völker zieht sich durch die Litteratur aller
Cultur-Nationen diese üeberzeugung hindurch. Schon
Plato nennt es einen alten Spruch, dass ohne einen
gewissen Wahnsinn kein echter Dichter sein könne, und
nach dem Bericht von Seneca hat auch Aeistoteles den
Ausspruch gethan, dass niemals ein grosses Ingenium
ohne eine Beimischung von Narrheit gewesen sei — und
von HoBAz bis Shakespeaee, Voltaire, Schopenhauer
huldigen zahlreiche grosse Geister derselben Meinung.
Spürt man den Gründen nach, welche hierzu ge-
führt haben, so stösst man gewöhnlich auf die Angabe,
dass Genies häufiger dem Wahnsinn verfallen als die
gewöhnlichen Geister. Indess sind die grössten Ge-
nies niemals geisteskrank gewesen. Wenn ein Geist
wie Shakespeare, der genug Fläche besitzt, um von der
Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 41
AAMAAMMMMAMAAAMMMAMAAAMMMMAMAAAAMMMMAMAMMMMMAA
ganzen Menschheit Jammer angepackt zu werden^
gelegentlich etwas schwermüthig wird, so ist das lange
nicht identisch mit Geistesstörung.
Das Genie macht zweifellos nicht immun
gegen alle möglichen Körperkrankheiten: Ex-
cesse rächen sich bei ihm, wie beim gemeinen Sterb-
lichen; aber bei näherer Besichtigung finden wir that-
sächlich wenig Geniale ersten Ranges, bei welchen
sich lediglich aus der angeborenen Constitution
heraus Geistesstörung entwickelt hätte. Es sind mehr
Geister zweiten Ranges, diejenigen, welche hauptsäch-
lich im Ungezügelten und Grenzenlosen das geniale
Wesen bethätigen zu müssen glauben; es sind die ein-
seitig veranlagten Naturen, welche in grösserer Gefahr
schweben. — Auch die mancherlei Sonderbarkeiten,
welche Genies zeigen, sind nicht beweisend — die in-
tensive Versenkung in geistiges Schauen bringt natur-
gemäss ein Sichvergessen mit sich, das Suchen nach
ewigen Wahrheiten lässt die gemeine reale Welt zeit-
weise völlig in den Hintergrund treten — und dies gilt
auch vom Zustand des Dichters, wenn er in exsta-
tischer Begeisterung dem Weben seines Geistes lauscht.
Um aber zu einem wirklich entscheidenden Urtheil
zu gelangen, haben wir uns in erster Linie die Frage
vorzulegen, worauf beruht das Genie; und diese
Frage gliedert sich für den Hirn forscher sofort in die
42 Di6 Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit.
Alternative: beruht es auf einem besonderen Bau des
Gehirns — oder auf einer besonderen Reizbarkeit,
Anspruchsfähigkeit, also nach unseren jetzigen Begriflfen
auf chemischen Factoren?
Mit aller Entschiedenheit können wir die
erstere Alternative annehmen. Das Genie ist
stets gepaart mit einem besonderen Bau, einer
besonderen Organisation des Gehirns. Erst die
neueste Zeit hat die Beweise hierfür erbracht! Bis
vor kurzem musste man sich begnügen, das Ge-
sammtgewicht des Gehirns hervorragender und
gewöhnhcher Menschen zu vergleichen. Es war da
nicht möglich, zu durchaus gesetzmässigen Zahlen zu
gelangen. Wenn auch in der Regel ein grösseres Him-
gewicht bei den Genialen gefunden wurde, so waren
doch Ausnahmen zu verzeichnen. Jetzt wissen wir,
dass die verschiedenen Abschnitte auch des Grosshims
nicht alle gleichwerthig sind; wir können die geistig
wichtigeren von den minder wichtigen scharf abgrenzen
und so auch die Frage beantworten, ob die Genialen
eine besondere Entwickelungshöhe der geistigen Or-
gane zeigen; — und diese Frage ist mit aller
Entschiedenheit zu bejahen!
In früheren Zeiten war die Meinung weit ver-
breitet, dass das Stirnhirn ganz besonders maass-
gebend für die geistige Bedeutung sei, dass hier der
Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 43
MAAAMMMMAAMAAAMAAMMMWMMMMIMMWMMM
Sitz aller höheren Geistesthätigkeit zu suchen sei, wie
auch Gall den philosophischen Scharfsinn, das In-
ductionsvermögen etc. hier localisirte. Nach meinen Unter-
suchungen ist in der That im Stimhirn ein geistiges
Centrum gelegen; indess giebt es daneben noqh mehrere
andere Denkorgane, darunter ein besonders umfäng-
liches, unter dem Scheitelhöcker befindliches. Wir
finden nun, dass dieses geistige Centrum der
hinteren Scheitelgegend sich bei allen wahrhaft
genialen Männern, deren Hirn bis jetzt untersucht
worden ist, durch eine besonders starke Ausbildung
auszeichnet. Bei manchen Künstlern, wie Beethoven
und vermuthlich auch Bach, fällt ausschliesslich die
enorme Entwickelung dieser Hirngegend auf, bei
grossen Gelehrten, wie dem Mathematiker Gauss u. A.,
sind die hinteren und die vorn im Stimhirn gelegenen
Centren stark entwickelt. Das wissenschaftliche
Genie zeigt also andere Verhältnisse des Hirn-
baues wie das künstlerische.^ Da die Unter-
suchungen über diese Frage aber noch zu jungen
Datums sind, als dass Allgemeingültiges schon jetzt ge-
geben werden könnte, muss ich mich bescheiden, die
fundamentalen Gesichtspunkte hier nur anzudeuten.
* Eichard Wagner nimmt durch die starke Entwickelung
des Stimhims Bach und Beethoven gegenüber sichtlich eine
Sonderstellung ein.
44 I^ie Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit.
^^AMMMMMMMMMM«M^MM«^MM^MMW«AMAMAAAAMAM««^^l«MMMAAAMMAAAAM«MAAAAA
Durch die starke Entwickelung einzelner Himtheile
werden nun die Proportionen des Gehirns bei Ge-
nialen andere als bei gewöhnlichen Menschen; es tritt
eine Art Disproportionalität ein — besonders bei
grossen Ktinstlem, weniger bei den grossen wissenschaft-
lichen Forschem. Insofern präter propter der Einfluss
eines Hirntheils auf das Ganze seinem Volumen parallel
gehen dürfte, können wir somit kaum bezweifeln, dass
im Gehirn manches (!) genialen Künstlers die hinteren
geistigen Organe alle übrigen beherrschen. Nun sind
zweifellos gerade an sie die wesentlichsten Factoren
der Phantasie gebunden, die Composition äusserer
Eindrücke des Gesichts, Gehörs und Tastsinns, des
Rohmaterials aller Künste zu neuen geistigen Gebilden,
— und so wird es verständlich, wie die Phantasie das
eigentlich Formbestimmende für den genialen künst-
lerischen Geist wird, wie die Phantasie alles andere
überwuchert und frei und ungebunden schaltet.
Das geniale Gehirn ist somit nicht in erster Linie
oder gar ausschhesslich durch den Grad seiner Erreg-
barkeit von dem des gesunden mittleren Menschen ver-
schieden, nicht die Reizbarkeit ist das allein Entscheidende.
Das Gehirn der Genialen ist reicher gegliedert,
besitzt eine feinere Organisation, stellt einen vollkom-
meneren Mechanismus dar, der schon an Zahl der
geistig wichtigen Elementartheile dem gemeinen Gehirn
Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 45
unendlich überlegen ist. Es arbeitet vermöge seines
Reichthiims an einzelnen geistigen Kraftcentren leb-
hafter, auch ohne krankhaft überreizt zu sein.
Thatsächlich besteht aber auch keinerlei Wesens-
gleichheit zwischen den genialen und den patholo-
gischen Geistesprodukten. Beim genialen Menschen
macht sich das gesteigerte Himleben als bildendes,
schöpferisches Princip geltend, kommt es zur Ent-
stehung in sich einheitlicher wohlgeordneter logisch zu-
sammenhängender geistiger Gebilde — beim geistes-
kranken Maniacus herrscht die Lockerung, die Dis-
sociation vor. Hier wirbelt eine krankhaft erregte
Stimmung grosse Mengen ungeordneter Vorstellungen
empor, die auch nachträglich im Bewusstsein nicht
geordnet werden, während der geniale Künstler —
wie SoHiLLEE sagt, das ünbewusste mit dem Be-
sonnenen verbindend — von vornherein geordnet denkt
und schaut Wenn es auch gelegentlich beim Wahn-
sinn zum Schauen wirklich neuer origineller, auch im
Gefühlston einheitlicher Phantasiegebilde kommt, welche
eines gewissen künstlerischen Anstriches nicht ent-
behren, so reicht doch diese Originalität nicht hin,
um solchen Geistesprodukten den Rang von Kunst-
werken zu verleihen — denn sie entbehren der ty-
pischen Bedeutung, es ist nichts in ihnen, was geeignet
wäre der Kunst Gesetz und Regel zu geben — und
46 Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit.
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die Beobachtung geisteskrank gewordener Künstler zeigt
demgemäss^ dass mit dem Auftreten des Wahnsinnes die
Schaffenskraft nicht zu^ sondern rapid abnimmt
Ist so auch die Aehnlichkeit zwischen den geistigen
Gebilden des Wahnsinns und der genialen Production
eine ganz oberflächliche, so liegt keinerlei Grund vor,
die Kräfte, die im Genie zur Entfaltung gelangen, dem
Wesen nach zu identificiren mit jenen, welche im krankr
haft zerrütteten Geist herrschen und z. B. die übernatür-
liche Gluth im Gehirn mancher Epileptiker entfachen.
Ebensowenig besteht aber zwischen dem Geistes-
zustand des Verbrechers und dem des Genies eine all-
gemeine Wesensverwandtschaft. Durchaus unerwiesen
ist zunächst die Behauptung Lombboso's, dass die emi-
nente Entwickelung des Intellektes in gesetzmässiger
Weise die sittlichen Gefühle in den Hintergrund dränge
ja sie gänzlich vernichte. Die sittlichen Defecte grosser
Männer finden sich in gleicher Weise bei Millionen von
Mittelmässigen, eine Thatsache, welche wiederum nur
beweist, dass der Intellekt wenigstens theilweise von
anderen Factoren abhängig ist als die sittlichen Gefühle.
Die Anatomie aber lehrt unwiderleglich, dass die
Himorganisation der genialen Menschen und die der
Verbrecher meist — keineswegs immer, Gegensätze
darstellen, zwischen welchen die denkbar breiteste und
tiefste Kluft gähnt Der od ovo entartete Gewohnheits-
Die Grenzen geistiger Gesundheit und Krankheit. 47
Verbrecher nähert sich in seinem Hirnbau vielfach dem
Thier, erzeigt wieder pithekoide, d.h. afFenähnliche
Züge im Hirnbau — der Himbau der Genialen ent-
fernt sich nach der entgegengesetzten Richtung
hin von der mittleren Norm.
Indem der Mensch sich aus der Thierwelt empor-
gehoben hat durch die fortschreitende Vergrösserung
seiner geistigen Centren, ist die noch über das Mittel
hinausragende Grösse der Denkorgane bei Genialen ein
Beweis dafür, dass hier die Natur den Anlauf nimmt
zur Weiterbildung des Menschengeschlechtes
über seine dermalige Entwickelungshöhe hinaus. Das
Genie ist nicht Entartung nach abwärts, sondern, wie
insbesondere die Anatomie klar und deutlich zeigt,
Fortschritt zu einem höheren Typus, ganz in der
Richtung der aufwärts strebenden Entwickelung in der
Reihe der Geschöpfe — und daher wohl unsere ahnungs-
volle Ehrfurcht vor den wirklichen Heroen des Geistes.
Hier kommt die exacte Wissenschaft zu einem
Resultat, welches sich deckt mit den Forderungen des
gesunden gemeinen Menschenverstandes — der es
niemals zugestehen wird, dass die grossen führenden
Geister der Menschheit, insbesondere auf den Gebieten
der Wissenschaft und Kunst, irgend eine Wesensver-
wandtschaft mit dem Abschaum des Menschengeschlechtes,
dem Gewohnheitsverbrecher haben.
48 Die Grenzen geistiger Qesundheit und Krankheit.
Wir dürfen uns aber deshalb auch nicht wundem,
wenn der wirklich gesunde Menschenverstand in den
Ideen eines Lombeoso nichts weiter erblickt, als
einen kläglich gescheiterten Versuch das Glänzende zu
schwärzen und das Erhabene in den Staub zu ziehen
— und dass der gemeine Verstand kraft dieser Er-
kenntniss Bedenken trägt, den Aussprüchen der-
artiger psychiatrischer Autoritäten eine höhere Be-
deutung beizumessen!
Nur sollte man nicht soweit gehen, die Psychiatrie
als solche für die Ausschreitungen einzeliier ihrer
Vertreter verantwortlich zu machen. Jede Wissen-
schaft hat Entwickelungskrankheiten . zu überwinden,
und die Psychiatrie befindet sich mitten im Eingen
aus dem Zustand der jugendlichen Unreife heraus-
zukommen, welcher ihr zum guten Theil in Folge
rein äusserer Einflüsse noch anhaftet
Noch nicht lange ist sie heimisch an den Uni-
versitäten, welche in Deutschland auf wissenschaft-
lichem Gebiet noch immer die Hauptstätten des
Wettkampfes der Geister darstellen; sie ist die jüngste
unter den klinischen Disziplinen und findet erst seit
Kurzem einige Beachtung an maassgebenden Stellen.
Ist es unter solchen Umständen gerecht zu fordern,
dass die Psychiatrie nur Vollkommenes leiste?
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Dr. Otto Sölmmnn.
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